Ich bin wirklich ein Fan von Richard David Precht: Seine Bücher sind ausnahmslos interessant zu lesen, vor allem hilft er den öffentlichen Diskurs zu gesellschaftlich relevanten Themen zu strukturieren. Nicht zuletzt sein jüngstes Buch zum Thema Digitalisierung, nämlich Jäger, Hirten, Kritiker. Hier formuliert er etwa ganz klar, dass die Digitalisierung nicht wie eine Naturgewalt über uns hereinbricht, es gibt keinen Determinismus der Technikutopie aus dem Silicon Valley. Precht postuliert vielmehr, dass wir als Gesellschaft darüber entscheiden, wo wir uns Digitalisierung wünschen und wo nicht. Kurz: Precht fordert zur Mitgestaltung von Digitalisierung auf, zur Beteiligung am Diskurs über die konkrete Umsetzung von Digitalisierung.

Nun ist der Philosoph und Intellektuelle Precht mit (gutem) Beispiel vorangegangen und hat im Herbst 2019 den Vorschlag vorgelegt, eine Steuer von 25 Prozent auf den Online-Handel zu erheben. Und zwar als Maßnahme gegen die Verödung der Innenstädte, wo der eCommerce dem stationären Handel das Wasser abgrabe. Vielleicht ist der Vorschlag gut gemeint. Aber – und das ist mein Beitrag zur gemeinsamen Gestaltung von Digitalisierung – ich halte eine solche Steuer für unglücklich und wenig zielführend.

Zunächst einmal würden damit – ganz praktisch gesehen – eine ganze Reihe von Abgrenzungsproblemen entstehen. Wenn ich nach Einführung einer solchen Steuer in der Buchhandlung anrufe (Telefonbestellung), um das Buch zu ordern: Fiele auch für diese Transaktion die Steuer an? Was wiederum ist mit einem Versandhandel, der aus Belgien oder Polen heraus operiert? Und hinsichtlich einer Zurückdrängung des eCommerce-Volumens (also: Wie wirksam ist die Steuer?) gilt sicherlich, dass der Steuersatz von 25% zwar nicht prohibitiv ist, aber der Gesamteffekt lässt sich nicht ohne weiteres bestimmen. Der durchschnittliche Warenkorbwert je Bestellung im eCommerce liegt etwa zwischen 70 und 80 Euro, damit entfiele je Bestellung also eine eCommerce-Steuer zwischen 17,50 und 20 Euro. Diesen Mehrkosten stehen die Einsparung von Suchzeit (in welchem Laden gibt es den gewünschten Gegenstand, wo ist er vorrätig?) und Reisezeit (Fahrzeit zum Laden) gegenüber. Wenn ich beispielsweise ein Buch im Wert von 20 Euro bestelle, dann ist die Entscheidung klar (für mich als Familienvater gilt: Zeit ist Gold): 5 Euro mehr ist ok.

Grundsätzlich wiegt für mich aber schwerer, dass eine solche Steuer keine adäquate Antwort darauf sein kann, wie Städte ihre Lebendigkeit, wie das urbane Angebot seine Relevanz erhalten will. Machen wir den Fokus einmal etwas weiter, dann stellen wir fest: Es ist beispielweise auch zu erwarten, dass sich in den nächsten Jahren die Schließung von Bankfilialen fortsetzen wird. Wollen wir dann auch eine Steuer auf Online-Banking einführen? Und wie fällt die Antwort auf das Kneipensterben auf dem Land aus? Kneipen werden dort irrelevanter, weil die Kneipe dort ihre Funktion als „Kommunikationszentrum“ im Ort angesichts von Social Media verlieren, auch weil sich Leute zunehmend selbst versorgen und schließlich weil das Freizeitangebot (u.a. Filmangebot auf Netflix & Co.) explodiert. Wollen wir also auch eine Social Media Steuer einführen? Wohl kaum.

Im Übrigen glaube ich, dass die Ursache-Wirkungs-Vermutung zwischen verödeten Innenstädten und Online-Handel den Kern des Problems überhaupt nicht trifft. Innenstädten bleiben leer, weil Einkaufszentren auf der grünen Wiese (außerhalb der Stadt) oder Shopping Malls (in der Stadt) die Kundenströme absorbieren. In manchen Fällen ist es auch die exzellente verkehrstechnische Anbindung an größere Städte, die zu einer Abwanderung von Kunden führt. Das sind hausgemachte Probleme der Lokal- und Regionalpolitik, für die kaum der Online-Handel verantwortlich gemacht werden kann.

Für mich persönlich bleibt es im Übrigen ein Rätsel, wie man Kleidung überhaupt online kaufen kann. Ich habe noch nie (sic!) auch nur ein Paar Strümpfe per Klick gekauft, denn eine Hose, ein Hemd, einen Anzug muss man doch anprobieren. Schuhe sowieso. Wenn hier Kaufvolumen abwandert, dann bieten stationäre Bekleidungshäuser entweder ein miserables Sortiment oder eine schlechte Beratung, oder beides. Den geschulten Blick eines guten Verkäufers, der mit den Trends vertraut ist und außerdem abschätzen kann, welche Farbe für welchem Typ passt, ob ein Anzug gut sitzt oder nicht: Das lässt sich mit aller 3D und / oder Collagentechnik in einem Webshop nicht abbilden. Hier hat der stationäre Handel doch einen ganz klaren Vorteil. Wer diesen Vorteil nicht verwandelt, muss sich ein paar selbstkritische Fragen stellen. So sehe ich das.

Grundsätzlich müssen Städte aber akzeptieren: Der urbane Raum ist im Wandel, bestimmte Funktionen der Versorgung werden offenbar zukünftig in anderer Form gewährleistet als in den 1950er oder 1960er Jahren. Die Geschichte der Städte weist hier seit jeher einen stetigen Wandel aus: Zunächst gab es umherziehende Händler, diese wurden von Märkten abgelöst. Ab Mitte des 19ten Jahrhunderts kamen die Kaufhäuser auf (Buchtipp: Der Roman „Das Paradies der Damen“. Der französische Klassiker Émile Zola zeichnet diese Entwicklung am Beispiel von Paris im Rahmen einer Gesellschaftsstudie detailgetreu nach). Es scheint für die Gegenwart zu gelten, dass die umherziehenden Händler wieder zurück sind – denn in gewisser Weise ist der Online-Handel nichts anders.

Hierauf müssen die Stadtentwickler eine adäquate Antwort finden, ohne in nostalgische Reflexe zu verfallen. Der Handel entwickelt andere Formen, die einen Brückenschlag bilden zwischen Online- und Offline-Handel, zum Beispiel Pop-Up Stores oder Event-/Erlebnisgetriebene Formen. In manchen Städten reicht es gegebenenfalls bereits aus, die über das Stadtgebiet verstreuten Handelsgeschäfte und Handwerksaktivitäten im Stadtzentrum zu verdichten – im Gegenzug wird jenseits des gewerblich orientierten Stadtkerns Wohnraum frei. Es entsteht ja durchaus auch die Möglichkeit, diesen freiwerdenden öffentlichen Raum anders zu nutzen, nicht nur für den Konsum, sondern für eine andere Funktion. Ein einheitliches Rezept kann es hier allerdings nicht geben, der Gestaltungsspielraum ist ganz unterschiedliche je nach Größe einer Stadt und je nach touristischer Relevanz.

Eine Herausforderung ist natürlich immer der Wegfall von Gewerbesteuereinnahmen, da ist mehr Kreativität gefragt, ggf. eine Revision der Steuerverteilungsmechanismen zwischen Bund/Ländern/Kommunen. Andererseits bietet die Gestaltung bei der Gewerbesteuer auch Möglichkeiten, Stadtentwicklung zu steuern: Nehmen wir an, eine Stadt (von gewisser touristischer Relevanz) will sich klarer profilieren, dann könnte eben diese Stadt die Ansiedlung von Geschäften (Handel, Handwerk, Eventindustrie, Gastronomie) dergestalt steuern, dass die Stadt an Profil gewinnt. Beispielsweise als „Stadt der Kleinkunst“, „Stadt der Landschaftsfotografie“, „Stadt der Spielpuppen“, „Stadt des Weissweins“ undsoweiter. Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus will. Klar ist, dass hierfür die verschiedenen Akteure der Stadt (nicht zuletzt die Gewerbetreibenden) gemeinsam eine Vision entwickeln müssen – und das ist keineswegs trivial, kann aber eine schöne Dynamik freisetzen.

Fazit: Die von Precht vorgeschlagene eCommerce-Steuer erweist sich bei näherem Hinsehen als nostalgischer Reflex, der einer tieferen Ursachenanalyse nicht standhält. Aber der Intellektuelle hat immerhin eine Diskussion zu einer bekannten Problemlage angestoßen, wo Beiträge von Experten der Stadtentwicklung die Diskussion zu praktikablen und mehrwertstiftenden Ideen führen sollte.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.