Low-Code-Plattformen scheinen wie eine Allzweckwaffe für die digitale Transformation von Unternehmen, für die Entschärfung des Fachkräftemangels oder für schnellere Time-to-Market für Innovationen in der Softwareentwicklung. Low-Code-Plattformen versprechen, die von umfangreicher manueller Fertigung charakterisierte IT Industrie stärker zu automatisieren. Können Low-Code-Plattformen dieses Versprechen tatsächlich einlösen?

Das Konzept lässt sich mit wenigen Sätzen beschreiben. Diese Plattformen erlauben es, nahezu ohne Programmierkenntnisse datenbankbasierte Fachanwendungen sehr schnell zu entwickeln; eine Partnerfirma eines führenden Anbieters, „Outsystems“, beziffert die durchschnittliche Entwicklungszeit für Anwendungen auf nur 8 Wochen (Vgl.: Low Code Plattformen – Beispiel Outsystems). Dies ist möglich, da Low-Code-Plattformen umfangreiche vorgefertigte Komponenten anbieten, etwa auch Konnektoren zu Cloud Services wie IBM Watson oder Google Maps. Entwicklung wird hier zum interaktiven Zusammenklicken vorgefertigter Softwarebausteine, die sich zu einer in sich konsistenten Anwendung fügen. Lego für Entwickler.

Die Entwicklung erfolgt in der Regel visuell, was das schnelle Feedback von Endnutzern begünstigt. Die Einarbeitungszeit ist (gerade im Vergleich zum Erlernen von Programmierskills) sehr gering. Es handelt sich um eine Full-Stack Entwicklung, heißt: Hier werden nicht nur die Benutzeroberflächen entwickelt, sondern auch alle erforderlichen Backend-Funktionalitäten (z.B. Datenmodelle, Einbindung von Datenbanken wie Oracle, MS SQL Server, DB2). Low-Code-Plattformen sind im Übrigen auf den gesamten Lebenszyklus ausgelegt, vom Requirements Engineering bis hin zur Wartung. Die Anwendungen können Cloud-basiert sein, aber auch on-premise.

Vorweg: Es ist unbestritten, dass Low-Code-Plattformen eine Erfolgsstory sind. Einer der führenden Anbieter, Outsystems, hat bereits eine Community von über 200.000 Entwicklern (im Zusammenhang mit Low-Code-Plattformen auch „Citizen Developer“ genannt), Service Now eine Community mit über 100.000 Entwicklern. Eine Umfrage von Forrester Research unter 41 Entwicklungsverantwortlichen („Konnten Sie durch Low-Code-Plattformen die Defizite der klassischen Softwareentwicklung beseitigen“) war eindeutig sehr positiv: 21 Befragte erklärten „Ja, signifikant“, 19 weitere erklärten „Ja, deutlich spürbar“, nur ein Teilnehmer an der Umfrage erklärte „Ja, aber nur marginal“.

Es gibt eine Reihe von Playern, von denen jeder von einem anderen Startpunkt aus die Low-Code-Plattform entwickelt; die Plattformen weisen darum auch unterschiedliche Charakteristiken auf, für ein Softwareprojekt mit einer Low-Code-Plattform müssen diese nach Stärken/Schwächen-Profilen miteinander verglichen werden (Kony etwa eignet sich etwa sehr gut für Mobile Apps, ServiceNow für IoT-Anwendungen und Reporting). Einen Überblick liefert der Analyst Gartner (vgl.: Gartner: Magic Quadrant for Enterprise High-Productivity Application Platform as a Service ). Zu den führenden Plattformen zählen hiernach: OutSystems, Appian, Mendix, Kony, Salesforce, ServiceNow, AgilePoint, Bizagi, K2 und Software AG.

Der Anwendungsbereich von Low-Code-Plattformen lässt sich – vereinfacht – auf Basis folgender Dichotomie beschreiben: Auf der einen Seite gibt es tief integrierte Core-Anwendungen wie ein ERP-System, das von der unternehmenseigenen IT-Abteilung entwickelt und verantwortet wird. Auf der anderen Seite gibt es eine Vielzahl von (kleineren) Anwendungen in den Fachbereichen: Das reicht von einer MS Excel-basierten Anwendung zur Pflege kleinerer Datenbestände bis hin zu funktionsspezifischen Reportings.

Der Anwendungsbereich von Low-Code-Plattformen wird typischerweise in den Fachbereichen verortet: Hier können sich (technik-affine) Fachbereichszugehörige („Citizien Programmer“) mithilfe von Low-Code-Plattformen sehr schnell effizienzsteigernde Anwendungen „zusammenklicken“ oder Prototypen entwickeln. Das kann man etwa gut an einem DEMO-Beispiel sehen, wo aus einer Excel-Liste zum Partnermanagement eine dezentrale Low-Code-Plattform-basierte Anwendung für kollaborative Zusammenarbeit wird (ab Minute 17:30): Demo: Low-Code Development – Building Business Apps Faster. Ein weiteres Beispiel ist etwa eine Mobile App für einen „Bier App“ in wenigen Wochen: A state-of-the-art beer app in a few weeks. Und hier noch ein weiteres Demo-Video, das den Entwicklungsprozess auf solchen Low-Code-Plattformen illustriert (hier: Mendix): The Mendix Demo, On-Demand.

Dieser Begrenzung des Einsatzbereichs auf die Fachabteilung wird sich in Zukunft auflösen, es gibt bereits Anzeichen dafür, dass Low-Code-Plattformen auch Einzug halten in die Sphäre von Digital Legacy Systemen wie ERP-Systemen. Erste Projekte mit Low-Code-Plattformen, die derartige tief integrierte Anwendungen ablösen, sind bereits erfolgreich.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.