“Bei einer Studie wurde festgestellt, dass für Arbeitnehmer, die nach langer Unternehmenszugehörigkeit entlassen werden, eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, in den ersten Jahren nach der Kündigung zu sterben. Der Verlust des Arbeitsplatzes bricht manchen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes das Herz.“

Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo sind die Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2019. Die beiden Ökonomen legen ein Buch vor, das eine (bisweilen erschöpfend) hohe Anzahl von Studien vorstellt und auswertet, um Antworten auf Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Wie das vorangehende Zitat aus dem Buch zeigt, wird hier nicht ausschließlich eine zahlbasierte Perspektive eingenommen, sondern die beiden Autoren haben den Menschen vor Augen. Das Buch ist – in Zeiten von Fake News und Populismus – in gewisser Weise ein „Rezeptbuch“ für Politiker, das auf Evidenz basiert. Die zentralen Themen sind Zuwanderung, Globalisierung, Wirtschaftswachstum, Ungleichheit, Klima, Digitalisierung und auch das Bedingungslose Grundeinkommen.

Das Buch fördert bisweilen überraschende, also: kontra-intuitive Studienergebnisse hervor, etwa im Zusammenhang mit Zuwanderung und dessen Effekte (bzw. eher: fehlende Effekte auf Arbeitsmärkte der „Einheimischen“). Die Autoren liefern Erläuterungen, vermitteln ein tieferes Verständnis über das Funktionieren von Wirtschaft, von Märkten. Es ist durchaus hilfreich, Vorwissen mitzubringen, denn Duflo und Banerjee liefern eine solche Flut von Fakten und Studien, dass sich Leser*Innen in dem Strom von Erläuterungen schnell verlieren können, wenn eine Struktur zur Einordnung fehlt. Das Buch hat eben auch einen akademischen Anspruch.

Ich möchte nachfolgend drei Punkte herausgreifen, die ich persönlich besonders spannende fand: Einige Fakten zum Thema „Zuwanderung“. Die Einschätzung der beiden Ökonomen zum Thema „Digitalisierung / Automatisierung“. Und Überlegungen zum „Bedingungslosen Grundeinkommen“ – hier freut es mich besonders, dass die Buchautoren zu einem vergleichbaren Fazit gelangen, wie ich es auch vertrete (vgl. meinen Artikel zum Bedingungslosen Grundeinkommen); es ist eine schöne Bestätigung, wenn die eigenen Überlegungen ähnlich verlaufen wie bei zwei Wirtschaftsnobelpreisträgern.

Ester Duflo und Abhijit V. Banerjee: Zur Zuwanderung

“Woher kommt die Panik?, fragen die Autoren. “Der Anteil grenzüberschreitender Migranten an der Weltbevölkerung war im Jahr 2017 ungefähr so groß wie im Jahr 1960 oder 1990: 3 Prozent. In die Europäische Union (EU) kommen jährlich im Durchschnitt zwischen 1,5 Millionen und 2,5 Millionen Migranten aus Nicht-EU-Ländern. Zweieinhalb Millionen sind weniger als ein halbes Prozent der EU-Bevölkerung.“ (S. 24)

Die Argumentation der beiden Autoren läuft darauf hinaus, dass zum einen die Bereitschaft zur Migration (entgegen der Brandreden von Populisten) sehr niedrig ist, und dass zum anderen der Effekt auf Löhne und Beschäftigung auf Märkten der Einheimischen sehr gering ist. Die Argumentation ist noch weit differenzierter, aber diese zwei Punkte halte ich für zentral.

Zum ersteren Punkt verweisen Banerjee und Duflo auf folgendes Faktum, das für Europäer interessant sein dürfte: “Zwischen 2010 und 2015, dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, die Griechenland erschütterte, sind weniger als 350 000 Griechen ausgewandet. Dies entspricht höchstens 3 Prozent der Bevölkerung Griechenlands, obwohl die Arbeitslosenquote in den Jahren 2013 und 2014 27 Prozent betrug und sich die Griechen als EU-Bürger innerhalb der gesamten EU frei bewegen und überall arbeiten dürfen.“ (S. 30).

Zum zweiten Punkt: Es gibt Dutzende von Studien, die in dem Kapitel angeführt werden. Was man sich merken sollte, ist das Fazit. Und dabei handelt es sich um so etwas wie einen „Konsens“ der wirtschaftlichen Zunft, die regelmäßig von der US National Academy of Science einberufen wird. Zum Thema Migration stellt eben dieser Konsens fest: “Empirische Forschungen in den letzten Jahrzehnten deuten darauf hin, dass die Ergebnisse weiterhin im Großen und Ganzen mit denjenigen im New Americans National Research Council (1997) übereinstimmen: demnach sind die Auswirkungen der Immigration auf die Löhne von Einheimischen, über einen Zeitraum von über 10 Jahren gemessen, insgesamt sehr gering.“ (S. 42)

Man sollte nicht so naiv sein zu glauben, dass Populisten welcher Colour auch immer, das vorliegende Buch lesen und ihre Meinung revidieren. Aber als Bürger mit Zivilcourage ist dies ein scharfes Schwert in der Diskussion mit eben solchen Populisten.

“Gute Ökonomie für harte Zeiten“: Zur Digitalisierung / Automatisierung

Für die Digitalisierung / Automatisierung gibt es keine echten Überraschungen, die ökonomische Bewertung liegt auf der Linie dessen, was ich in Artikeln bereits formuliert habe (vgl. etwa Zum Wirtschaftswachstum in der Digitalen Ära).

Die Buchautoren unterstreichen aber nochmals zwei Aspekte, die für Politiker handlungsleitend sein müssten. Nämlich zum einen eine Verzerrung von Unternehmensentscheidungen zugunsten von Automatisierung, die mit der Besteuerung bzw. Kostenbelastung von Arbeit zusammen hängt. Dazu die Autoren: “Mitunter hat es den Anschein, dass sich Unternehmen auch dann für die Automatisierung entscheiden, wenn die Roboter weniger produktiv als die Menschen sind. Eine übertriebene Automatisierung verringert das BIP, anstatt dazu beizutragen. Ein Grund dafür ist das amerikanische Steuerrecht, das Arbeit höher besteuert als Kapital.“ (S. 353)

Banerjee und Duflo machen gleichzeitig aber auch klar, dass sie – ausgehend von dieser Diagnose – dennoch nicht glauben, dass sich so etwas wie eine Robotersteuer durchsetzen könnte (u.a. Bill Gates hatte sich dafür ausgesprochen). Nicht zuletzt benennen sie als Grund, dass es keine praxistaugliche Unterscheidung zwischen Maschinen (vom Menschen bedient) und Robotern (autonom handelnd) gibt und geben wird. Die beiden Wirtschaftsnobelpreisträger gehen darum davon aus, dass sich der Trend zu Robotern nicht aufhalten lässt.

Zum anderen stellt das Buch fest, dass Forschung und Geschäftsmodelle im Zeitalter der Digitalisierung und Automatisierung vorwiegend auf die Automatisierung bestehender Tätigkeiten ausgerichtet ist, und damit auf eine Verdrängung von Arbeitskräften. Die Rechnung sähe anders aus, wenn neue Produkte, neue Geschäftsmodelle, Neue Märkte entwickelt würden. Das lässt sich durchaus als Appell an Unternehmer verstehen; es geht um eine inhaltliche Ausrichtung von Innovation. Die Autoren warnen: “Weil der Schwerpunkt auf der Automatisierung bestehender Tätigkeiten liegt, steigt das Risiko, dass die aktuelle Innovationswelle massive negative Auswirkungen für die Arbeitnehmer hat.“ (S. 354f)

Mit dieser Einschätzung eines eher negativen Effekts der Automatisierung auf den Arbeitsmarkt liegen Sie auf gleicher Linie wie etwa die Ökonomen Carl-Benedikt Frey (Oxford, Co-Autor der Studie The Future of Employment, Jahr 2013) oder Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee (MIT, The Second Machine Age).

Zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Umso wichtiger ist es angesichts der bevorstehenden Effekte von Automatisierung / Digitalisierung / auch: Globalisierung, eine Antwort auf die Herausforderungen für Arbeitsmarkt und Gesellschaft zu finden. Die Autoren erörtern umfassend die sozialstaatliche Option des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Das Eingangszitat stammt aus eben diesem Kapitel.

Die Argumentation in dem Kapitel über das BGE ist (wie in anderen Kapiteln auch) sehr differenziert und ausführlich. Beide Autoren kommen ja aus der Forschung zu Armutsbekämpung und Entwicklungsökonomie (ihr vor ca. 10 Jahren erschienenes Buch Poor Economics ist auch sehr empfehlenswert); darum betrachten sie in dem Buch das BGE auch einerseits für Entwicklungsländer, andererseits für Industrieländer. Ich möchte einige zentrale Argumente herausgreifen, dabei aber ausschließlich auf die Relevanz des BGE für Industrieländer fokussieren.

Was die Autoren (bescheiden) feststellen: Im Bereich BGE gibt es zumindest keine Langfriststudien; es gibt Experimente, die aber vor allem auf einer „Negativen Einkommensteuer“ basieren (das ist nicht identisch mit dem BGE, aber kommt dem praktisch sehr nahe). Hier resümieren Duflo und Banerjee: “Doch insgesamt deuten die Ergebnisse aus den Experimenten mit der negativen Einkommensteuer darauf hin, dass das Angebot an Arbeitskräften zwar etwas zurückging, aber nicht so stark wie befürchtet.“ (S. 438) Und: “Es gibt also keinen Beleg für die Annahme, dass bedingungslose Transferleistungen zum Nichtstun verleiten.“ (S. 440)

Diese Ergebnisse sind aber zu relativieren, da echte Langfriststudien nicht existieren. Die Autoren formulieren also vorsichtig: “Der Großteil der Daten stammt aus relativ kurzlebigen Maßnahmen. Wir können nicht wissen, wie sich Menschen verhalten, wenn ihnen ein Grundeinkommen auf Dauer zugesichert wird. Wenn sich das Neuartige an einem zusätzlichen Einkommen abgenutzt hat, sind sie dann wieder entmutigt und arbeiten weniger oder sind sie motivierter und bemühen sich stärker? (S. 445)

In der folgenden Argumentation heben die Autoren schließlich zwei Aspekte hervor, die eine Eignung des BGE relativieren. Das ist zum einen die Finanzierbarkeit bzw. die fehlende Finanzierbarkeit. Und das ist zum anderen die Bedeutung von Arbeit, die mit der Idee des BGE – salopp formuliert – quasi ersetzt wird. Das BGE wird also zum „Trostpreis“ bzw. „Stillhalteprämie“ für diejenigen, die durch den Strukturwandel nicht mehr gebraucht werden und keine Arbeit mehr finden. Das halten die Autoren aber aufgrund der sinnstiftenden bzw. identitätsstiftenden Funktion von Arbeit für äußerst problematisch; hier wird durchaus differenziert argumentiert, denn diese identitätsstiftende Rolle fällt für Niedrigverdiener geringer als für Gutverdiener, fällt für Beschäftigte im Gesundheitssektor oder Bildungssektor höher aus als in Gastronomie und Einzelhandel.

Dennoch gelangen Duflo und Banerjee zum Schluss: “Aber leider deutet vieles darauf hin, dass es den Menschen schwerfällt, einen Sinn außerhalb der Arbeit und der damit verbundenen Struktur zu finden. (…) Die meisten benötigen ein strukturiertes Arbeitsumfeld, dem sie dann Bedeutung oder Sinn geben können.“ (S. 452f)

Die Autoren halten darum das BGE nicht für eine first-best Lösung. “Wenn das Grundeinkommen also keine Lösung für die Verwerfungen bietet, die unser derzeitiges Wirtschaftsmodell mit sich bringt, was dann?“

Sie stellen in dem Buch stattdessen eine radikale Idee vor, die – bei allen Wohlstandsgewinne, die Automatisierung und Globalisierung für die Gesellschaft/Menschheit bringt – auch den „Verlierern“ des Strukturwandels eine Antwort anbietet. Gerade für Menschen, die sich nicht ausreichend schnell an den Strukturwandel anpassen können, etwa aufgrund höheren Alters, schwacher Bildungsvoraussetzungen, eingeschränkter Mobilität (Migration in Regionen, wo die „neuen Industrien“ sich ansiedeln). Die Idee besteht – zusammengefasst – darin, manche Arbeitnehmer zu subventionieren, damit sie an Ort und Stelle bleiben können.

Ich hoffe, ich habe Sie ausreichend neugierig gemacht, das Buch zu lesen. Viel Spaß bei der Lektüre.

“Gute Ökonomie für harte Zeiten. Sechs Überlebensfragen und wie wir sie besser lösen können“ von Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo, Penguin Verlag, 490 Seiten, Erscheinungsjahr 2019, 26 Euro

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.