Es bedarf keiner weitschweifigen Beispiele und Erläuterungen zu der allgegenwärtigen Erfahrung in Softwareentwicklungsprojekten, dass hin und wieder Missverständnisse zwischen der fachlichen und technischen Seite entstehen (oder – im Kontext eines IT Offshoring Projektes – zwischen deutscher Projektleitung und einem Offshore Entwicklerteam). Ursache hierfür: Spezifikationen werden zu ungenau kommuniziert, einige (vermeintliche selbstverständliche) Informationen werden nicht weitergegeben oder Gesagtes wird falsch interpretiert.

Nach meiner Erfahrung hilft es, zu Beginn eines Projektes das gesamte Team für das Thema Kommunikation zu sensibilisieren, nicht zuletzt für die Unzulänglichkeiten der Sprache. Nehmen Sie sich im Kick-Off etwa 20 bis 30 Minuten Zeit, den nachfolgenden Inhalt zu kommunizieren; dies wird für einige Verblüffung und Unterhaltung sorgen und klarstellen, dass sich die fachliche und technische Seite typischerweise in zwei verschiedenen (Sprach)Kulturen bewegen. Und das schafft Potential für Missverständnisse.

Das Problem der Ungenauigkeit der Sprache ist bekannt. Zahlreiche Philosophen haben sich hierüber den Kopf zerbrochen, so etwa der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz, der davon träumte, eine Präzisionssprache für den wissenschaftlichen Gebrauch zu schaffen. Es gelang ihm nicht. Auch nicht dem sogenannten Wiener Kreis im 20. Jahrhundert, die von 1924 bis 1936 an einem ähnlichen Projekt arbeiteten – und schließlich scheiterten.

Werden wir etwas konkreter. Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Wenn ich Ihnen sage: „Ich gehe Eis holen“, dann dürften Sie davon ausgehen, dass ich mir im nächsten Supermarkt oder in der Eisdiele um die Ecke ein Speiseeis hole. Sie gehen nicht etwa davon aus, dass ich zum Nordpol fahre und von dort einen Eisberg mitbringe. Das Satz ist nicht eindeutig (also: ungenau), aber der Kontext (etwa: Es ist ein heißer Sommertag) liefert zusätzliche Informationen, die die gemeinte Bedeutung des Satzes relativ eindeutig machen. Wenn ich etwa ein Cocktailglas in der Hand halte, dürften Sie davon ausgehen, dass ich zum Gefrierfach gehe und mir Eiswürfel hole. Der Kontext ist also entscheidend, und die damit einhergehende Interpretationsleistung.

Der Kontext ist also entscheidend. Ebenfalls, was in einer Kultur als gewöhnlich gilt. Und spätestens jetzt dürfte klar sein, dass Sätze in der (Sprach)Kultur Indiens und Deutschlands oder aber einer Controlling-Abteilung und einer IT Abteilung anders interpretiert werden (können). Wenn Sie in Deutschland sagen, ich fahre mal um die Ecke und kaufe ein paar Kekse, dann würde der Großteil der Zuhörer in Deutschland davon ausgehen, dass sie sich ins Auto setzen und losfahren. In Indien wiederum würde man annehmen, dass der Sprecher aufs Motorrad steigt und damit losfährt. Der Satz „Ich trage das Feature ins Backlog ein“ ist ein deutscher Satz, aber normalerweise versteht diesen Satz niemand in einer Controlling-Abteilung.

Sprache ist noch auf einer ganz anderen Ebene ungenau. Wenn ich sage: „Du solltest dieses Schwein umfahren“, dann … ja dann ist dieser Satz ohne Kontext in seiner Bedeutung nicht bestimmbar. Denn das Verb „umfahren“ bedeutet im Deutschen sowohl „um ein Objekt herum fahren“ und auch sein komplettes Gegenteil, nämlich: „über ein Objekt drüberfahren“. Wenn ich sage: „Nichts macht mir mehr Spaß“, dann kann dies ein hocheuphorischer Satz sein (mit der Betonung auf „Nichts macht mir mehr Spaß“) oder aber ein hochdepressiver Satz (mit der Betonung auf „Nichts macht mir mehr Spaß“). Ich kann den Satz „Heute so und morgen so“ dergestalt betonen, dass er stringente Konsequenz ausdrückt („Heute so und morgen so“) oder aber so betonen, dass er völlige Inkonsequenz anklagt („Heute so und morgen so“). Sprache an sich ist überhaupt NICHT eindeutig.

Sie können diese Liste zur Ungenauigkeit der Sprache beliebig fortführen. Je abstrakter, desto größer der Interpretationsspielraum und desto größer das Potential für Missverständnisse. Bei „Tisch“ dürften alle noch eine vergleichsweise ähnliche Vorstellung haben, bei „Gott“, „Urlaub“ oder „Gerechtigkeit“ haben Sie typischerweise eine Situation wie: 10 Personen, 15 Meinungen.

Gute, effiziente, präzise Kommunikation in einem Softwareentwicklungsprojekt ist einer der drei wichtigsten, wenn nicht sogar DER wichtigste Erfolgsfaktor. Nehmen Sie sich Zeit, ein Projektteam für die Fallstricke der Sprache, des Ungesagten, des Nur-Mitgedachten, des Angeblich-Selbstverständlichen zu sensibilisieren. Es lohnt sich.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.