Jede ernstzunehmende Beratungsgesellschaft hat inzwischen mindestens eine Studie zur digitalen Reife von deutschen Unternehmen veröffentlicht und bietet Beratungskompetenz für die digitale Transformation an. Keine Woche vergeht, an dem nicht die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen, eigentlich: europäischer Unternehmen im Vergleich zur US-amerikanischen oder chinesischen Wirtschaft beklagt wird. Dass die Digitalwirtschaft von Playern wie Amazon, Apple, Samsung, Alibaba, Tencent, Facebook, Baidu oder Google dominiert wird, muss Deutschland und Europa ein Ansporn sein, aber die Digitalexperten stellen uns noch immer schlechte Noten aus bei digitaler Wettbewerbsfähigkeit: Dies reicht von einer mangelnden Breitbandverfügbarkeit bis hin zu einem geringen Anteil an digitalen Geschäftsmodellen.

Ganz konkret bedeutet diese sogenannte digitale Transformation für Unternehmen, das Geschäftsmodell auf Chancen und Risiken durch Digitalisierung zu überprüfen, weiter zu entwickeln und umzusetzen. Es heißt auch, Geschäftsprozesse konsequenter zu digitalisieren. All dies zusammengenommen bedeutet letztlich, Kompetenz darin zu entwickeln, Software auszuwählen, zu entwickeln, einzuführen. Dazu braucht es nur selten einen Informatiker (durchaus aber beratend für die technischen Aspekte), aber natürlich ein technisches Grundverständnis und die Kompetenz, ein Geschäftsmodell (oder im ersten Schritt auch nur einen Arbeitsprozess) auf seine IT technische Operationalisierbarkeit hin zu analysieren: Was lässt sich automatisieren, wo lässt sich KI einsetzen, wo ist die Mensch-Maschine-Schnittstelle, muss ich das im Unternehmen als Kernprozess noch selber machen oder kann ich das outsourcen? Solche Fragen muss man stellen, beantworten und Entscheidungen dann konsequent umsetzen.

Während noch vor 10 Jahren die Softwarebeschaffung ein reiner Beschaffungsvorgang gewesen ist, hat IT nun eine strategische Relevanz. Digitale Kompetenz muss also viel breiter im Unternehmen entwickelt sein, es reicht nicht mehr aus, dass es eine Handvoll IT Experten im Unternehmen gibt. Auf sämtlichen Ebenen des Managements muss Digitalkompetenz entwickelt werden. Was heißt das konkret?

Bei Kompetenz für das Zeitalter der Digitalisierung fällt einem das Elternpaar ein, das bereits das Kleinkind auf dem Tablet herumspielen lässt und schon Grundschüler mit einem Smartphone versorgt. Pädagogen winken bei solch hilflosen Versuchen im Kinderzimmer ab. Geht es also eher darum, dass wir per Messenger chatten, per WhatsApp Videocalls führen, uns bei Doodle mit unseren Freunden verabreden und mit der BahnApp unsere Zugtickets buchen? Auch das ist zu kurz gesprungen. Tatsächlich geht es nicht darum, die Pros und Cons der Bibliothek React im Vergleich zum Framework Angular bei der Entwicklung interaktiver Webapplikationen aufzählen zu können. Die technische Bewertung von IT Technologien wird – insbesondere angesichts der heutigen Verbreitungsdynamik neuer Technologien – eine Domäne von IT Spezialisten bleiben; Digitalkompetenz bedeutet jedoch, dass man im Dialog mit einem IT Spezialisten die Entscheidungskriterien aus Managementperspektive herausarbeitet kann: Welche Technologie lässt sich besser warten? Wie ist die Skalierbarkeit, wie robust ist die Technologie, wie einfach findet man Entwickler für die eine oder die andere Technologie? Wie hoch ist der Verbreitungsgrad und wie schnell kann man mit Angular entwickeln, wie schnell mit React?

Ein Manager mit Digitalkompetenz schaut in seinem Verantwortungsbereich regelmäßig nach, welche Prozesse und Arbeitsschritte von Hand erledigt werden und stellt die Frage Warum. Es geht auch um Zukunftslust und die Frage, wie die eigene Branche in 10 oder 20 Jahren aussehen könnte, wenn man die Entwicklung bei KI und Automatisierung einmal in die Zukunft extrapoliert. Ganz praktisch betrachtet: Wer Digitalkompetenz besitzt, weiß wie man ein Lasten- und Pflichtenheft entwickelt, dass die Entwicklungsplattform Delphi Vergangenheit ist und die Datenbank MS Access für Prototypen oder unkritische Mini-Anwendungen ok ist, aber sonst tabu für professionelle Anwendungen. Er kann Begriffe einordnen wie Responsive Design, Scrum, Agiles Projektmanagement, ProjectBacklog, Sprint und Hybrid Cloud. Oder Begriffe wie Virtual Reality, Augmented Reality, Chatbot, IoT, BlockChain und Technologische Arbeitslosigkeit. A/B Testing, UI, UX, Front End, Back End und Objektorientierte Programmierung. Cascading Style Sheets (CSS), HTML5, XML und Continuous Integration.

In punkto IT Security sollte man eine gesunde Einschätzung mitbringen. Wussten Sie, dass nach Einschätzung des Software-Guru Steve McConnell Entwickler im ersten Anlauf zwischen 10 bis 50 Fehler (=Bug) je 1.000 Programmierzeilen machen? Und jeder Fehler ist ein potentielles Einfallstor für einen Hacker. Die gute Nachricht: Mit verschiedenen QA Massnahmen lässt sich das reduzieren, auf etwa 0,5 Fehler je 1.000 Zeilen. Was bedeutet das für die Software? Das aktuelle Windows-Betriebssystem hat etwa 50 Mio. Zeilen, Facebook etwa 60 Mio., alle Produkte von Google zusammengenommen ca. 2 Mrd. Programmierzeilen.

Unternehmen sind gut beraten, in die Entwicklung solcher Digitalkompetenzen zu investieren, denn sie brauchen Manager, die souverän Software auswählen, Entwicklungsprojekte steuern und Entscheidungsprozesse an der Schnittstelle zwischen Geschäftsprozessen und IT Technologie moderieren können. Fangen Sie damit an, diesen Blog regelmäßig zu lesen …

“Lernen ist wie rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück.”
Benjamin Britten, englischer Komponist

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.