Es ist ein jahrzehntealtes Versprechen der Fortschrittsgläubigen: Technologie bzw. technologische Durchbrüche ermöglichen es der Menschheit, dank höherer Effizienz ihren Naturverbrauch zu reduzieren. Eben dieses Versprechen trägt ein Buch im Titel, das zu Beginn meiner Studienzeit viel diskutiert wurde: „Faktor Vier. Doppelter Wohlstand – Halbierter Naturverbrauch“ (Autoren: Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory B Lovins, L Hunter Lovins) aus dem Jahr 1995. Und 15 Jahre (nämlich 2010) später kam dieses Versprechen in einer Neuauflage auf den Büchermarkt, diesmal mit einem noch ehrgeizigeren Ziel:„Faktor Fünf: Die Formel für nachhaltiges Wachstum“ (Autoren: Ernst Ulrich von Weizsäcker), Karlson Hargroves, Michael Smith).

Man wundert sich, wieso wir nun – 25 Jahre später – vor einem so massiven Klimawandel stehen, wenn doch technologische Effizienz die Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch (=Green Economy) ermöglicht? Technologische Entwicklungen gab es ja nun wahrlich genügend in den letzten Jahrzehnten. Nun, eine wesentliche Erklärung für diesen vermeintlichen Widerspruch ist der Rebound-Effekt: Die ersten Mobiltelefone aus den 1970er Jahren waren Kiloschwer und keineswegs handlich genug, um sie in die Jackentasche zu stecken. Die Entwicklung ist bekannt, das leichteste Mobiltelefon wiegt heute nicht mal mehr 100 Gramm, und mit der Prozessorleistung eines heute handelsüblichen Smartphones hätte man damals die Apollo-Mission zum Mond steuern können.

Der Erfolg bei Miniaturisierung hat dazu geführt, dass die Anzahl der Nutzer explodiert ist, das Mobiltelefon wurde vom exklusiven Statussymbol einiger Geschäftsleute und Politiker zum Massenprodukt. Diese Explosion bei Verbreiterung des Nutzerkreises (mehr Ressourcenverbrauch) hat den technischen Erfolg bei der Miniaturisierung (weniger Ressourcenverbrauch) bei Weitem überstiegen. Rebound-Effekt. Eben den gleichen Effekt können wir in vielen anderen Bereichen feststellen: Autos wurden immer verbrauchsärmer, gleichzeitig jedoch hat sich die Fahrleistung erhöht, denn Fahren wurde ja billiger (und bequemer), Haushalte besitzen häufig mehr als nur ein Fahrzeug. Häufig gilt darum: Wo technische Effizienz, Prozessverbesserungen oder neue Produktionsmethoden ein Produkt oder eine Dienstleistung dessen Konsum verbilligt haben, folgte häufig die Vermassung (Flugreisen, elektronische Geräte und derlei mehr).

Darum gibt es keine pauschale Antwort auf die Frage, ob Digitalisierung als neue Basistechnologie (wie: Dampfmaschine, Verbrennungsmotor, etc.) Effizienzgewinne bringt, mit der sich das jahrzehntealte Versprechen einer Green Economy einlösen lässt. Schauen wir uns einige Bereiche genauer an. Bei dieser Betrachtung beziehe ich mich unter anderem auf ein 10-seitiges Diskussionspapiers namhafter Autoren (Dr. Ingrid Nestle MdB, Stefan Gelbhaar MdB, Lisa Badum, Harald Ebner und Dieter Janacek MdB), die ebenfalls Chancen und Risiken von Digitalisierung für eine nachhaltige Wirtschaft betrachten (Download Diskussionspapier ÖKODIGITAL: Digitalisierung und Ökologie); referenziert wird diese Quelle im Folgenden der Einfachkeit halber als „oekodigital.de“.

Risiken aus der Digitalisierung für eine nachhaltige Green Economy

Es ist zunächst augenfällig, dass die Digitalisierung zu einer Explosion elektronischer Geräte alle Art führte: Dies beginnt in den 1970er Jahren mit dem PC, ab Anfang der 1990er wurde das Handy zum Massenphänomen, ab 2007 folgte der Erfolg der Smartphones (Einführung iPhone im Juni 2007). Laptops, Tablets, iPods, iPads, Surfbooks, Drucker, Scanner, Smartwatches und eine wachsende Anzahl von Rechenzentren. Künftig werden Abermilliarden von Geräten im Internet of Things miteinander verbunden sein. Dies geht unvermeidlich einher mit Ressourcenverbrauch (Gehäuse, Kobalt, Seltene Erden) und natürlich mit Stromverbrauch. In Deutschland liegt der Stromverbrauch von Informations- und Kommunikationstechnik bei etwa acht Prozent; global kann der Stromverbrauch bis 2020 auf einen Anteil von 20 Prozent anwachsen (Quelle: oekodigital.de).

Die Zukunftsagenda sieht eine Reihe weiterer Produkte vor, die mit der gleichen Problematik behaftet sind: Das autonom fahrende Fahrzeug verarbeitet enorme Datenmengen und erfordert sehr hohe Prozessorleistung, die Virtual Reality Technologie wird sich im Gaming, in Verkaufsräumen und anderen Bereichen verbreiten. Datenverarbeitung, Datenübertragung – all dies treibt den Stromverbrauch nach oben.

Es kommt die Gefahr hinzu, dass die Digitale Generation inmitten berauschend schneller Digitaler Welten (Entertainment, Gaming, Infotainment) den Bezug zur Natur verlernt – ein Gefühl für die Natur und deren Wertschätzung gingen dann verloren. Dies verändert politische Prioritäten. Plakativ formuliert: Während 3D Computerspiele (im Idealfall mit VR-Brille) den Spieler durch die optimierte Dosierung aus Herausforderung und Angstlust im beständigen Flow halten, wird dem ungeübten Naturbeobachter beim ersten Waldspaziergang zunächst einmal nichts wirklich Vergleichbares geboten. Viele Eltern können das einfach bestätigen.

Man muss sich auch vergegenwärtigen, dass Digitalisierung viele zeitliche Freiräume schafft (was ja grundsätzlich positiv ist), die dann – je nach Freizeitmuster – für mehr oder weniger klimabelastende Aktivitäten genutzt werden. Musste ich früher für den Kauf eines Buches in die Stadt fahren, geht dies heute mit wenigen Klicks; die Zeitersparnis ist enorm. Der Vergleich der carbon footprints von „In die Stadt fahren“ versus „Postbote bringt Buch vorbei“ weist zunächst einen Vorteil für die Online-Bestellung aus. Wenn ich nun die gewonnene Freizeit nutze, um mit dem Auto ans Meer zu fahren, dann fällt die CO2-Bilanz zuungunsten des Online-Shopping aus. Studien lassen in der Tendenz erkennen, dass die Gesamtrechnung tatsächlich auf eine Mehrbelastung hinausläuft (auch das eine Variante des Rebound-Effekts).

Wenn wir etwa an das autonom fahrende Auto denken (auch wenn das nun deutlich später kommt als noch im Technologie-Optimismus vor ein, zwei Jahren verhießen), ergibt sich eine vergleichbare Situation: Während ich im Zeitalter des „dummen Autos“ noch selbst lenken musste, kann ich als „Passagier“ entweder online shoppen, einen Film sehen (Video Streaming) oder einfach aus dem Fenster gucken (ökologisch gesehen der Best Case). Denken wir daran, dass uns etwa ein Jack Ma insgesamt prognostiziert, dass wir bald nur noch 4 Stunden am Tag arbeiten (was ja grundsätzlich fantastisch ist!), dann ist entscheidend: Was machen wir mit dieser Freizeit, wie umweltverträglich sind diese Freizeitmuster?

Chancen aus der Digitalisierung für eine nachhaltige Green Economy

Den vorgenannten Risiken stehen auch Chancen gegenüber: Intelligente Geräte können den Ressourcenverbrauch optimieren. Bewegungsmeldern für die Optimierung der Beleuchtung und Sensoren im Smart Home, die den Wärmeverbrauch nach Aufenthaltsort des Bewohners optimieren. Die Heizung springt erst an, wenn der Hausbewohner sich nach Feierabend ins Auto setzt (statt den gesamten Tag durchzulaufen). Im Haushalt wie in der industriellen Produktion können solche Sensoren helfen, Energie zu sparen.

Im Bereich der Mobilität kann etwa eine intelligente Verkehrssteuerung Staus vermeiden und Mobilitätsströme ganz allgemein optimieren. Komfortable multimodale Mobilitätsplattformen könnten den Verzicht auf ein eigenes Fahrzeug weiter vorantreiben. Es dürfte allerdings klar sein, dass gerade im Bereich Mobilität das Risiko eines Rebound-Effektes sehr hoch ist, wie dies ja bereits in der Vergangenheit der Fall war: Je komfortabler Mobilität wird, desto mehr wird diese in Anspruch genommen.

Und die Autoren von oekedigital formulieren zu einem anderen wichtigen Bereich, nämlich dem Energie-/Strommarkt: „Sogar wichtige politische Projekte wie ein CO2-Preis könnten durch die Digitalisierung erleichtert werden, wenn beispielsweise digitale Fußabdrücke von gehandeltem Strom dafür sorgen, dass Umweltbelastungen auch grenzüberschreitend eingepreist werden können. (…) Dank digitaler Technologien wird es möglich sein, unseren Strom einfach beim Nachbarn mit der Solar- oder Mikrowindanlage auf dem Dach zu kaufen – im Wattbereich. (…) Erste Start-Ups bieten bereits Tools an, um direkte Vertriebswege zwischen Prosumern zu ermöglichen.“

Im Bereich der Landwirtschaft könnten kleine Landbearbeitungsmaschinen (Roboter) den Pestizid-/Herbizideinsatz drastisch senken, indem Unkraut entweder mechanisch entfernt wird oder aber Pestizide/Herbizide punktuell eingetragen werden. Denkbar ist auch der Einsatz von Drohnen, die etwa im Rahmen einer biologischen Schädlingsbekämpfung Kapseln mit Schlupfwespen im Feld verteilen.

Wenn wir uns einmal aus dem Kontext unseres liberalen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems herausbewegen, dann werden auch Einsatzmöglichkeiten zur Disziplinierung erkennbar. Das „Social Scoring“ in China (einfacher ausgedrückt: Überwachungssystem) ist bereits heute darauf ausgelegt, die „soziale Leistungsbilanz“ eines Bewohners zu erfassen: Vom Einkaufsverhalten bis zum Verhalten an der roten Ampel. Es liegt (bald) im Rahmen der technischen Möglichkeiten, etwa jedes verkaufte Produkt (bzw. jede Produktverpackung) dem Käufer zuzuordnen und die fachgerechte Entsorgung nachzuverfolgen; jede weggeworfene Plastikflasche im Stadtpark ließe sich dann dem Käufer zuordnen. In gleichem Sinne ließe sich die CO2-Bilanz jeder Person auf Basis seiner Einkaufs- und Mobilitätshistorie ermitteln und beeinflussen. Man muss sich an dieser Stelle in Erinnerung rufen, dass die Digitalisierung eine Explosion der erfassten, gespeicherten und verarbeiteten Informationen bedeutet. Es entsteht eine unheimliche Transparenz, die man positiv oder negativ nutzen kann. Niemand wird sich eine Überwachung solchen Ausmaßes wünschen, es ist aber sicherlich nicht ausgeschlossen, dass Regime wie etwa China Technologie für eine solche Zielsetzung einsetzen – darum sei dies hier erwähnt.

Ökologische Gestaltung der Digitalisierung im Sinne einer nachhaltigen Green Economy

Aus den vorgenannten Ausführungen dürfte klar hervorgegangen sein, dass Digitalisierung keineswegs natürlicherweise eine ökologischere Wirtschaftsform hervorbringt. Der Rebound-Effekt zehrt die Effizienzgewinne wieder auf; entscheidend ist auch, was Nutzer/Bürger/Konsumenten mit dem Zeitgewinn und Einsparungen einer Sharing Economy (Car Sharing, Ride Sharing, Room Sharing) machen.

Darum gilt: Digitalisierung muss durch politische Leitplanken gestaltet werden. Bezogen auf eine Verkehrspolitik formulieren etwa die Autoren des Diskussionspapiers oekodigital.de: „Nur wenn wir die Dominanz des Autos in den Städten zurückdrängen, wenn wir den Raum, der heutzutage von fahrenden und parkenden Autos blockiert wird, drastisch reduzieren und neue Freiräume für Bus, Bahn und smart gesteuerte Rufbusse, für Fußverkehr und Fahrräder schaffen, nur dann können autonomes Fahren und die Digitalisierung der Mobilität einen positiven Beitrag für die Ökologie leisten.“

Ein Satz zur Sharing Economy: Wer 30 Euro bei der Reise nach Paris spart (Ride Sharing), dazu nochmal 40 Euro bei der Übernachtung (Room Sharing), der gibt das eingesparte Geld irgendwo wieder aus. Während also die Sharing Economy als solche unsere ökologischen Probleme nicht lösen kann, so kann sie aber durchaus die politische Akzeptanz für ein neues Wirtschaftsmodell schaffen oder aber – bescheidener formuliert: Die Internalisierung von ökologischen Kosten wird kompensiert durch gleichwertige kostensparende Dienstleistungen, heißt: das Benzin wird teurer, aber mit Ride Sharing sind die Reisekosten stabil. Die CO2-Steuer bleibt kostenneutral, die technologischen Effizienzgewinne werden politisch gezielt einer Entlastung des Naturverbrauchs zugeführt; wenn Politik diese Gestaltungsaufgabe nicht wahrnimmt, dann besteht das Risiko, dass Digitalisierung den Naturverbrauch erhöht.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.