Die Deutschland AG steckt mitten im Strukturwandel zur Digitalen Ökonomie, hinkt dabei allerdings dem Führungsfeld USA und China klar hinterher (vgl. den Artikel Digitale Transformation: Zwischenfazit für Deutschland). Wirtschaft und Politik ringen um Antworten auf die Herausforderungen zu Beginn des Zweiten Maschinenzeitalters: Es geht um Fachkräftemangel, National / European Champions, Risikokapital, Rahmenbedingungen für StartUps und derlei mehr.

Die systematische und breit angelegte Investition in IT Offshoring in Indien kann ein wichtiger strategischer Baustein sein, die drängende Digitale Transformation des Mittelstandes zu beschleunigen. Zu dieser These habe ich Mitte September eine Keynote Speech gehalten bei dem German-Indian Roundtable (GIRT) im Chapter Würzburg; bei der Veranstaltung und Diskussion war nicht zuletzt der Indische Generalkonsul aus München dabei, Herr Sugandh Rajaram. Nachfolgend die Kernelemente zu dieser These.

Erstens, der Mangel an IT-Fachkräften bildet einen sehr kritischen Engpass bei der Umsetzung digitaler Strategien. Der Branchenverband bitkom hat den Fachkräftemangel bei IT Professionals für 2018 auf rund 80.000 beziffert – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2017, wo diese Zahl noch bei 50.000 gelegen hatte. Diese Lücke lässt sich auf absehbare Zeit (schon gar nicht angesichts der demographischen Entwicklung) über Hochschulabsolventen und den Ausbildungsbetrieb decken, auch die Einwanderung von Fachkräften kann diese Lücke nur zum Teil schließen.

Wenn Deutschland (oder auch: Europa) zum Führungsfeld (USA, China) bei der Digitalen Transformation aufschließen möchte, dann werden hierfür Heerscharen von Entwicklern erforderlich. Blick in die USA: Das Land zieht als klassisches Einwanderungsland brillante Köpfe aus der ganzen Welt an, im Silicon Valley sind asiatische Fachkräfte Legion. Satya Nadella (Microsoft) oder Sundar Pichai (Google) sind hier nur die Spitze des Eisbergs. Und trotz dem in den USA weltweit die meisten IT Entwickler arbeiten, haben die USA seit Beginn der 1990er Jahre eine konsequente IT Offshoring Strategie nach Indien gefahren; diese ging so weit, dass IBM heute mehr Entwickler in Indien beschäftigt als im Heimatland (aus politischen Gründen wurde darum vor etwa 10 Jahren die Angabe von Mitarbeiterzahlen in den verschiedenen Weltregionen eingestellt). Alle großen IT Player sind an den diversen Offshoring Hotspots (Bangalore, Hyderabad, Mumbai, Pune, Gurgaon, Madras und derlei mehr) vertreten. Dieser Zugriff auf personelle Ressourcen hat den USA eben jenen Entwicklungsvorsprung ermöglicht.

Natürlich, von den Hunderttausenden Absolventen in Indien ist nur ein Teil talentiert, Unternehmen schicken zudem frische Absolventen zunächst in ein Traineeprogramm, um die Theorie-lastige Ausbildung an indischen Universitäten zu ergänzen. Aber nach einigen Jahren konvergiert der Skill-Level, unterstützt von immer mehr Online verfügbaren Weiterbildungsangeboten (Stichwort MOOC: Massive Open Online Courses).

Zweitens, Indien ist im Vergleich zu Nearshoring-Optionen (Ukraine, Weissrussland, Rumänien, etc.) nach wie vor die kosteneffizientere Variante. Für spezifische Anforderungen oder Technologien ist Nearshoring die bessere Alternative, aber über alle Technologien hinweg betrachtet ist Indien unbestritten der kostengünstigere Standort; das bestätigen große IT Player wie SAP auch ganz klar. Wer bei WIPRO oder Infosys ein Projekt Outsourcing möchte, der kann grundsätzlich bei diesen IT Playern den Standort aussuchen – Accenture, WIPRO, Infosys & Co sind in Indien wie auch in Osteuropa vertreten. Hinsichtlich der Kosteneinsparungen gilt aber: Diese sind in Osteuropa nur etwa halb so groß wie in Indien.

Dieser Kostenvorteil bei den Arbeitskosten in Indien wird auch langfristig erhalten bleiben, und dafür gibt es zahlreiche Gründe. Indien ist ein Land mit einer unglaublich großen Bevölkerung (etwa im Jahr 2025 wird Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt, noch vor China); und darum sind Arbeitskosten niedrig, insbesondere im ungelernten Bereich. Dieser Niedriglohn bei Dienstleistungen wie Kindermädchen, Putzfrau, Koch (üblich im indischen Mittelstand), Restaurantpersonal, Bauarbeiter halten die Lebenshaltungskosten niedrig – und zwar langfristig, denn diese Bevölkerungssituation wird langfristig erhalten bleiben. Es kommt hinzu, dass klimatische Bedingungen dafür sorgen, dass Wohnraum deutlich geringere Investitionen erfordert, denn in einem Land ohne Frost (zumindest in weiten Teilen des Landes) sind weder tiefe Fundamente (Frost) noch teure Isolierungen erforderlich.

Diese niedrigschwellige Einstiegshürde in Indien ermöglicht es mittelständischen Unternehmen, „einfach mal was auszuprobieren“. Diese Kostensituation kontrastiert im Übrigen auf fast groteske Weise mit dem Silicon Valley, wo die Mietkosten absurde sind und bereits ein Junior Entwickler über 100.000 US-Dollar im Jahr kostet.

Freilich ist es nicht empfehlenswert für ein mittelständisches (oder auch kleines Unternehmen), in Indien eine Tochtergesellschaft mit ein oder zwei Entwicklern zu starten; dafür sind die kulturellen Herausforderungen ohne Expertise in diesem Markt zu groß. Aber es gibt eine Reihe von Dienstleistern, die Mittelständlern projektbezogen oder langfristig Entwicklerressourcen in Indien erschließen können. Möglich ist auch der Ansatz Build-Operate-Transfer: Es werden Entwickler für ein mittelständisches Unternehmen aufgebaut, welche zunächst bei dem Dienstleister angestellt bleiben; sobald das deutsche Unternehmen ausreichend Erfahrung im indischen Markt gesammelt hat, kann ein eigenes Unternehmen mit den Entwicklern ausgegründet werden. Die Firma SoftwareToGo bietet etwa ein solches Modell an.

Drittens, die Digitale Transformation erfordert nicht nur hochqualifizierte IT Professionals. Wir befinden uns aktuell im Zeitalter der sogenannten Schwachen KI, wo KI-Algorithmen mit Unmengen an Daten trainiert werden müssen. Das gilt im Bereich Natural Language Programming (Siri, Google Assistant), auch im Bereich visuelle Mustererkennung (Analyse von Röntgenbildaufnahmen) und derlei mehr. Hier werden niedrigqualifizierte Mitarbeiter im „Transcripting“ von Sprachaufzeichnungen eingesetzt. Oder Beispiel Autonomes Fahren: Um die KI darin zu trainieren, in Verkehrssituationen die Lage richtig einschätzen zu können, muss etwa Videomaterial für die KI aufbereitet werden: Es muss aufgezeigt werden, das Objekt ist ein Baum, das Objekt ist ein Fahrrad, etc. Dabei handelt es sich um das sogenannte „Labelling“ von Bild-/Videomaterial. Auch hierfür werden Tausende Mitarbeiter benötigt, da Bildmaterial pixelgenau bearbeitet werden muss. Bei einer Videoaufzeichnung von einer Stunde müssen etwa 60 X 60 X 25 Bilder bearbeitet werden, 90.000 Bilder (!).

Auch diese niedrigqualifizierten Arbeiten können nach Indien verlagert werden.

Viertens, Indien hat eine hohe technologische Affinität, die Penetration mit Smartphones ist sehr hoch. Das Beste: Die Nutzer neuer Anwendungen und neuer Apps sind nachsichtig, es ist ein idealer Zielmarkt, um Apps in einer Beta-Version zu testen, auszuprobieren. Die Geschäftsmodelle für die westliche Zielkundschaft sind freilich nicht immer deckungsgleich mit den sinnvollen Angeboten für einen Markt wie Indien: Aber es gibt eine relevante Schnittmenge, denn auch in Indien ist (im urbanen Bereich) Online-Shopping populär, es gibt Car Sharing, Lieferdienste für Essen, Mobile Payment, Online Banking, Bedarf für Navigationsdienste und derlei mehr (dies für den B2C Bereich). Kurz: Indien ist ein Markt, wo man sehr schnell relevante Nutzerzahlen erzielen kann, um Feedback zu Digitalen Angeboten zu erhalten.

Fünftens, und dies sei mein letzter Punkt: Es macht grundsätzlich einen Unterschied, ob eine Software im kulturellen Kontext von Finnland, Deutschland, Mexiko oder Indien entwickelt wird. Softwarearchitekten und Softwaredesigner leben in einem kulturellen Kontext, in einem spezifisch ausgeprägten politischen System, wo bestimmte Herausforderungen bestehen und spezifische Handlungsstrategien angesichts solcher Herausforderungen genutzt werden. Nun ist Indien bekanntermaßen ein Land, mit dem üblicherweise Begriffe wie Chaos, Heterogenität, Diversität oder auch Unpünktlichkeit verbunden sind. Indien ist ebenfalls ein Land mit einem ausgesprochen komplexen föderalen politischen System, wo Akteure eine ausgeklügelte Strategie benötigen, um politische Forderungen durchzusetzen.

Wenn indische Softwareentwickler eine Software designen, dann fließen eben diese Erfahrungen aus dem eigenen kulturellen Umfeld mit ein. Wer als Entwickler in seinem Lebensumfeld keine Erfahrung mit Unpünktlichkeit macht, der wird sein Softwaredesign nicht darauf auslegen, dass eine Software der möglichen Unpünktlichkeit eines Nutzers (sofern für eine Anwendung relevant) entgegen wirkt, damit umgehen kann oder das Zeitmanagement des Nutzers übernimmt.

Ein großer deutscher IT Player mit umfangreichen Entwicklerkapazitäten in Indien hat eben festgestellt, dass „Software made in India“ aufgrund des kulturellen Kontextes ein gänzlich anderes Design aufweist und in vielerlei Hinsicht robuster und intelligenter ausfällt. Auch das ist ein guter Grund, auf Indien als IT Entwicklungsstandort zu setzen.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.