Folgt man den Tech-Analysten und IT Kolumnisten, stellt man fest, dass die Ära der „Digitalen Transformation“ eigentlich schon passé ist: Die Zeit also, in der sogenannte Legacy Anwendungen aus der Neandertalerzeit der Softwaregeschichte in die Cloud migriert wurden. Es wird bereits das Zeitalter der native cloud ausgerufen bzw. das Zeitalter der native cloud companies: Hier werden Softwareanwendungen von Anfang an für die Cloud konzipiert, für die Cloud entwickelt und in der Cloud betrieben. Für solche cloud-native Anwendungen gibt es eine Reihe spezifischer Programmierprinzipien (Stichwort: Microservice-Architektur, Open Source, etc.).

Ein Blick auf den Tenor der Vorträge auf der Handelsblatt Tagung Strategisches IT-Management im Januar 2019 bestätigt diese Trendanalyse: Die Allianz, Continental, Boehringer-Ingelheim, Schaeffler und viele mehr präsentierten eine IT Strategie, die mehr oder weniger als Cloud-zentriert gelten kann. Schon 2017 hat etwa die Deutsche Bahn (genauer: der IT Dienstleister DB Systel des Bahn-Konzerns) eine „Cloud Only“ Strategie ausgerufen, will bis Ende 2019 80% der Anwendungen in der Cloud vorhalten. Und selbst die konservative Finanzindustrie hat bereits 2017 von ihrer Aufsichtsinstitution BAFIN das Signal erhalten, dass die regulatorischen Anforderungen auch in der Cloud erfüllt werden können. Die Allianz wiederum positioniert sich mit der Plattform Syncier als amazon der Versicherungsindustrie.

Der Trend zu cloud-native enterprises: Die Gründe

Die Ausrichtung der Unternehmen als cloud-native companies geht einher bzw. schafft die Voraussetzungen für eine neue (agile) Arbeitskultur. Die digitalen Arbeitsplätze (der Zukunft) sind ausgerichtet auf agiles Arbeiten, schnelle iterative Innovations- und Verbesserungszyklen, das kollaborative Arbeiten, eine Kultur des Knowledge-Sharing, das Arbeiten von überall. Denn die Daten und Unternehmensapplikation sind überall verfügbar. Zwar dürfte niemand der Vortragsredner der Illusion erliegen, dass sich die Arbeitskultur eines Unternehmens (zumal eines Großunternehmens) per Mausklick verändern lässt, aber die Neu-Ausrichtung ist klar: Maximierung der Innovationsgeschwindigkeit im Rennen um die Plätze in der heraufdämmernden digitalen Wirtschaft.

Profiteur dieses Cloud-Hypes sind die Betreiber der Public Clouds: AWS, Microsoft oder Google. Und deren Kunden zahlen einen strategischen Preis, ganz buchstäblich: Denn der Betrieb der Kernsoftware eines Unternehmens in einer Public Cloud kostet deutlich mehr als der Betrieb im eigenen Rechenzentrum. Dennoch machen es alle. – Warum? – Die digitale Wirtschaft formt sich gegenwärtig neu, jetzt entscheidet sich, wer sich mit seinem digitalen Geschäftsmodell durchsetzt: Wer innoviert schneller, wer skaliert schneller bei der Marktpenetration? Skalierungsfähigkeit ist enorm wichtig für schnellwachsende Player wie N26 in der Finanzindustrie (aktuell: 10.000 neue Kunden pro Tag) oder Player wie Sixt ONE, Reach Now in der Mobilitätsindustrie. Geschwindigkeit bei der Skalierung ist also ein zentraler Erfolgsfaktor, und auf der Amazon Elastic Compute Cloud (Amazon EC2) können Unternehmen binnen Sekunden um Gigabyte nach oben skalieren. Ganz einfach.

Cloud-Applikationen genießen auch deshalb eine hohe Popularität, weil Applikationen mit nur wenigen Mausklicks produktiv gehen können. Wenn ein Unternehmen heute ein CRM-System benötigt, dann können die Vertriebsmitarbeiter – wenn die Entscheidung für ein System gefallen ist – ab morgen mit einer Cloud-Anwendung wie Salesforce oder Zoho arbeiten. Vergleichen Sie diese Geschwindigkeit mit den Prozessen aus der Pre-Cloud-Ära: Üblicherweise mussten Fachabteilungen zunächst mit der internen IT Abteilung abstimmen, allein diese Abstimmung, aber auch die Bereitstellung der erforderlichen Infrastruktur, Roll-Out und Ähnliches kosteten im besten Fall Wochen, im schlechtesten Fall Monate. Fachabteilungen haben mit der Verfügbarkeit von Cloud-Anwendungen eine hohe Unabhängigkeit von IT Fachabteilungen gewonnen (und diese Entwicklung setzt sich mit Low-Code-Plattformen noch fort, vgl. den Artikel: Low Code Plattformen: Wofür eignen sie sich wirklich?).

Und last but not least: Auf der Handelsblatt-Jahreskonferenz wies ein Redner darauf hin, dass sein Unternehmen einmal die interne Bereitstellung von Software mit dem Software-as-a-Service durch externe Provider verglichen hätte, nach diversen Qualitätsparametern (Ausfallzeiten, Bugfixing). Da SaaS-Anbieter darauf fokussiert sind, nur und ausschließlich ihre spezifische Dienstleistung zu erbringen, bei bestmöglicher Ausfallsicherheit, schneiden diese besser ab. Auch das kommt hinzu.

Der Trend zu cloud-native enterprises: Was das für Ihre Softwareprojekte bedeutet

Was heißt dieser Trend hin zur Cloud nun für Ihr Softwareentwicklungsprojekt?
Bei den Softwarehäusern selbst ist – kaum überraschend – klar zu erkennen, dass Software Cloud-ready umgestaltet wird. Diese Zielsetzung bringt mal mehr, mal weniger Herausforderungen mit sich: Das beginnt damit, dass das Frontend bzw. die Benutzeroberfläche web-fähig werden muss, es geht bis zu der Anforderung, dass die Software Mehr-Mandantenfähig werden muss, was üblicherweise signifikante Anpassungen bei der Software-Architektur erfordert.

Wenn (Groß)Unternehmen die IT Strategie eines cloud-native enterprises verfolgen, bedeutet dies in Konsequenz, dass auch eigenentwickelte Software grundsätzlich einmal diese Anforderung erfüllen müssen. Eine reine Desktopanwendung, die eine lokale Installation auf dem Rechner erfordert, fiele damit aus dem Rahmen der IT Strategie und müsste gut begründet werden. Andererseits gilt, dass auch beim Deutsche Bahn-Konzern NICHT jede Software auf der Public Cloud betrieben wird. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Manche Legacy-Anwendungen lassen sich nur mit unverhältnismäßigem Aufwand in die Cloud bringen. Oder aber bestimmte Anwendungen müssen Sicherheitskriterien erfüllen, der die Cloud nicht gerecht wird. Zur Erinnerung: Facebook wurde gehackt, und es gibt Anzeichen dafür, dass auch Google bereits gehackt wurde. Amazon wurde noch nicht gehackt (oder: es wurde nicht bekannt), aber: Menschliches Versagen legte im Jahr 2017 54 der 100 größten Onlinehändler der Welt lahm, die den Hostingservice AWS genutzt hatten. Cloud ist kein Allheilmittel, es gibt noch immer Gründe für on-premise.

Wer heute eine Software in Auftrag gibt, wird in der Auseinandersetzung mit einem IT Dienstleister über den passenden Technology Stack am Trend cloud-native applications nicht vorbeikommen: Er muss sich damit auseinander setzen. Es empfiehlt sich – wie immer – dem Trend nicht blind zu folgen, sondern Vorteile und Nachteile von cloud-nativen Anwendungen und herkömmlichen Desktopanwendung gegenüber zu stellen: Entwicklungskosten. Risiken (wie Datenverlust, Hackerangriffe). Anwenderfreundlichkeit. Zugriffsmöglichkeiten (lokal vs global). Wer aber etwa Künstliche Intelligenz (KI) Services oder Spracherkennungsservices nutzen will, der kommt um die Entwicklung einer Cloud-Anwendung gar nicht herum: Denn solche Services stehen offline gar nicht zur Verfügung.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.