Vorweg: Das Buch macht wirklich Spaß zu lesen. Sascha Lobo hat einen ausgesprochen eleganten Schreibstil mit einer unaufdringlichen Prise Humor. Er setzt sich als „Internetintellektueller“ (so bezeichnet er sich selbst) mit eben jenen Fragen auseinander, die unsere Generation beschäftigen (Sascha Lobo Jahrgang 1975). Er beleuchtet das Thema Klima, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz ebenso wie den Rechtsruck in Deutschland, Cybermobbing, Migration oder das Heraufdämmern einer neuen „Emotional Economy“. Nicht jedes Themenfeld wird vollumfänglich betrachtet (unmöglich bei der Themenvielfalt), aber er trägt jeweils eine neue, interessante Perspektive dazu bei.

Ganz klar: Sascha Lobo hat ein besonderes Talent, seine Ausführungen mit vielsagenden Anekdoten zu würzen bzw. anzureichern. Dazu zählt etwa der wundersame Aufstieg der Kylie Jenner aus dem Kardashian-Clan in der „Emotional Economy“, die es als Inszenierungsgenie auf Instagram zur jüngsten Selfmade-Milliardärin aller Zeiten gebracht hat (mit 23 Jahren!). Dazu zählt auch die Geschichte von der Invasion der Eisbären in einer russischen Kleinstadt, die geradezu in Hollywood-Manier vom Klimawandel kündet.

Ich habe mir das Buch vor allem deshalb gekauft, weil mich die Einschätzung und Beobachtungen von Sascha Lobo zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz interessiert haben. Auch in diesem Themenfeld findet der Autor eingängige Geschichten, um die Entwicklung zu illustrieren. Ein Beispiel: „Ende März 2019 hat Warner Music, eines der drei größten Musiklabels der Welt, erstmals einen Plattenvertrag mit einem Algorithmus abgeschlossen.“ (S. 243)

Lobo betrachtet vorwiegend die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, eine der zentralen Fragen rund um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Wer die Diskussion hierzu verfolgt, wird von den Ausführungen des Autors grundsätzlich nicht überrascht: Lobo verweist etwa auf den KI-Guru Kai-Fu Lee, der einen Wegfall von Jobs prognostiziert und neue, höher qualifizierte Jobs voraussagt. Die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nach gut Ausgebildeten unterstreicht die Richtigkeit dieser These; eben diese hochqualifizierten Arbeitnehmer haben zudem eine exzellente Verhandlungsposition, die sich in hohen Gehältern und großzügigen Regelungen zu Home Office niederschlägt. Aber auch für hochqualifzierte Jobs gilt: In Teilen konkurrieren auch diese mit KI, Lobo führt ein Beispiel aus der pharmazeutischen Forschung an.

Für niedrigqualifizierte Arbeiten konstatiert Lobo eine zunehmende Konkurrenz zwischen KI/Robotik mit niedrigqualifizierten Beschäftigten. „Die Automatisierung macht die Massen nicht arbeitslos, sondern ärmer, jedenfalls die weniger gut Ausgebildeten. Weil sie immer leichter ersetzbar werden.“ (S. 233f) Eben diese Verdrängung und Konkurrenz verschiebt das Arbeitsangebot in Beschäftigungsbereiche, so dass auch dort ein höherer Konkurrenzdruck entsteht: „Die Anzahl der einfachen Tätigkeiten wird zwar nicht zwingend abnehmen, aber die Menge der Menschen nimmt zu, die einfache Tätigkeiten ausführen müssen, um zu überleben. Dadurch entsteht auch in den Bereichen mehr Konkurrenz, wo Maschinen nicht oder besser noch nicht konkurrieren können.“ (S. 246)

Der Autor appelliert hier nicht direkt an die Politik, aber klar ist, dass diese Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt – insbesondere für niedrigqualifizierte Beschäftigte – eine kluge politische Antwort erfordern. Vergleiche hierzu auch die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Konzept des Bedingungslosen Grundeinkommens auf diesem Blog: Das Bedingungslose Grundeinkommen

Ein Zwischenfazit von Lobo zum Arbeitsmarkt in Zeiten der Digitalisierung: „Die richtige Art der Kooperation zwischen intelligenten Maschinen und Menschen muss dagegen erst entwickelt werden. Das frühe 21. Jahrhundert ist eine ungünstige Zeit für Menschen, denen Planbarkeit wichtig ist, und die beruflichen Sphären, in denen das gilt, werden immer umfassender.“ (S. 237)

Viel Spaß bei der Lektüre! Ich habe im Übrigen ein Exemplar aus der handsignierten ersten Auflage.

“Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart“ von Sascha Lobo (Kiepenheuer & Witsch, 390 Seiten, 20 Euro).

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.