Vor diesem Buch muss ich warnen. Nicht etwa wegen falscher Inhalte, sondern weil die Lektüre Zeitverschwendung ist. Ich bin ein geduldiger Leser, aber nach 80 Seiten (von 230 Seiten) hatte ich noch keinen Erkenntnisgewinn und war erschöpft von langatmigen Ausführungen zu dem immergleichen Themen (Effizienz eines Preis-basierten Marktes, Grenzen von Markt-Interaktionen auf Basis von Preis, Chancen einer Daten-basierten Interaktion von Marktteilnehmern). Ich habe im Übrigen die englische Ausgabe gelesen, sonst hätte ich das Buch noch viel früher abgebrochen: Denn bei fremdsprachigen Büchern genieße ich die sprachliche Dimension (das Buch ist grundsätzlich flüssig geschrieben), nur konnte das den schwachen Content nicht ausgleichen.

Es bedarf meiner Meinung nach keiner allzu ausführlichen Ausführungen für die These, dass die Entscheidung über eine Markttransaktion umso mehr den Interessenabgleich ermöglicht, je mehr Informationen ausgetauscht werden. Wenn ich beim Kauf von Laufschuhen nicht nur den Preis als Entscheidungskriterium heranziehe, sondern zusätzlich auch die Laufeigenschaften bei Regen, Eis und Schnee, oder das Gewicht, dann komme ich zu einer besseren Kaufentscheidung. Je mehr Daten ich als Käufer bei einer Entscheidung berücksichtigen will, desto unübersichtlicher und zeitaufwändiger wird der Entscheidungsprozess, zumal wenn die Daten verschiedener Hersteller nicht unmittelbar miteinander vergleichbar sind. Es bedarf also auch hier keiner weitschweifigen Erläuterungen, wieso ein datengetriebener Markt effizienter sein kann, wenn Transaktionen auf dem (weitgehend automatischen) Austausch einer großen Menge (Big Data) an Informationen zu einer Transaktion basieren. Das Buch kommt allerdings über diese These nicht hinaus – zumindest nicht auf den ersten 80 Seiten.

Stattdessen wird ausführlich über die Bedeutung des Informationsaustausches in einem Markt schwadroniert. In Kerala gab es etwa vor Einführung des Mobiltelefons keine Übersicht über Nachfrage und Angebot von Fisch in Küstendörfern, die Preise lagen in den verschiedenen Dörfern weit auseinander – wenn ein Fischer Glück hatte, brachte er seinen Fischfang in ein Dorf mit hoher Nachfrage; wenn er Pech hatte, fiel die Nachfrage geringer aus, aufgrund der fehlenden Kühlkette konnte ein Fischer nicht beliebig lange entlang der Küste reisen, um die besten Verkaufspreise zu erzielen. Es dürfte niemanden überraschen, dass mit Einführung des Mobiltelefons eben jene Marktübersicht hergestellt wurde, die zu einem weitgehend nivellierten Preisniveau geführt hat und Fischern erlaubt hat, ihren Fischfang zu vernünftigen Preisen zu verkaufen. So weit so gut. Ein illustratives Beispiel für die Relevanz des Informationsaustauschs, aber Stoff für die Grundlagenvorlesung. Was ist neu?

Der Autor wartet zwischendurch mit einer provokanten These auf, nämlich: „The rise of the market in which a substantial part of the transactional process is automated, and the decline of the firm as the dominating organizational structure to organize human activity efficiently will uproot markets around the world. Nations will face the need to respond to this profound shift in the economy as it endangers many millions of jobs, fuels widespread worries in countless nations, and is already driving populist political movements.” (Seite 12f). Hier geht es um “Markt” gegen “Unternehmen”. Ich habe – ziemlich frustriert – noch ein wenig nach Seite 80 in dem Buch reingelesen, aber nichts mehr gefunden, das über bekannte Thesen und Beobachtungen hinausginge (Netzwerkeffekt im Digitalen Zeitalter, New Work, etc.). Vielleicht gibt es ja noch „Erkenntnisperlen“ in dem Buch, aber mir fehlte irgendwann die Zuversicht, diese Stecknadel im Heuhaufen zu finden.

Was mich wirklich überrascht hat: Die ziemlich positive Bewertung für das Buch auf Amazon: 4 Sterne. Eine Bewertung, der ich mich hingegen voll und ganz anschließen konnte, formuliert das etwa so: „Despite a potentially influential thesis in which one senses a kernel of insight, this book (particularly the second half, when I might have expected an increasingly coherent or specific analysis and some thought-provoking conclusions) meanders around the periphery of its central idea, but never really conveys a convincing clarity about the details of the proposed shift from capital-based to data-rich enterprises in the global economy.”

“Reinventing Capitalism in the Age of BIG DATA“ von Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge (John Murray Verlag, 230 Seiten, 13 Euro).

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.