Das PRINCE2-Projektmanagementsystem ist ein Vorgehensmodell beschrieben auf über 350 Seiten, verdichtetes Erfahrungswissen, von Experten kontinuierlich ergänzt und aktualisiert. Vergleiche zum Überblick den Artikel „Projektmanagement in der Softwareentwicklung mit PRINCE2 – Einführung“. Das Buch „PRINCE2. Die Erfolgsmethode einfach erklärt“ der Autoren Fabian Kaiser, Roman Simschek (UVK Verlag, 24,99 EUR, Erscheinungsjahr 2019, 200 Seiten) bietet einen „Kompass“ zur Orientierung, es ist ein Einsteigerbuch. Meine Empfehlung: Laden Sie sich zur Lektüre des Buches (etwa von der Seite: www.prince2.com) die allseits verfügbaren PRINCE2-Vorlagen herunter, und reichern Sie das Überblickswissen aus dem Einsteiger-Buch an, indem Sie sich mit den Arbeitsmitteln aus dem Projektmanagement-Alltag vertraut machen.

Die Autoren führen gleich zu Beginn die Olympiade 2012 als Großereignis und Großprojekt ein, das sie immer wieder als Praxisprojekt-Beispiel heranziehen, um die Vermittlung der PRINCE2-Projektmanagementmethoden anschaulich zu erläutern. Die Olympiade 2012 war mit einem Budget von über 9 Milliarden Pfund ein beeindruckendes und gut organisiertes Großereignis, das tatsächlich auf Basis der vorgestellten Projektmanagementmethode PRINCE2 gemanagt wurde! Der Leser erhält darum aber keineswegs Einblick in detaillierte Projektdokumente oder Projektdetails der Olympiade; die Autoren waren nicht im Projektteam mit dabei. So wird für die PRINCE2-Anforderung eines Business Case Entwurfs etwa als Konkretisierung für das Praxisprojekt-Beispiel nur formuliert: „Ein Grund, die Olympiade innerhalb von London stattfinden zu lassen, könnte aktuell die stagnierende wirtschaftliche Situation Londons gewesen sein.“ Ich persönlich hätte es begrüßt, zu einem musterhaften Real-Life-Projekt die (anonymisierten) ausgefüllten Projektunterlagen zu sehen – eigentlich einfach zu realisieren, denn beide Autoren haben als Inhaber der Beratung BigFour für Projektmanagement Zugang zu eben solchen Unterlagen. Dies als Anregung zur Weiterentwicklung des Buches.

Das Buch vermittelt nichtsdestotrotz einen guten Überblick über das Zusammenspiel der verschiedenen Rollen (Lenkungsausschuss, Projektleiter, etc.), über systematische Handlungsoptionen der Projektleiter (z.B. bei Konfrontationen mit Risiken oder Chancen), also über die Methode PRINCE2. Hier einmal eine beispielhafte Beschreibung, und zwar für den Umgang mit einer Ausnahmesituation, in der vorgegebene Toleranzschwellen überschritten wurden (z.B. Kosten oder Qualität): „Der von PRINCE2 vorgeschriebene Eskalationsprozess sieht vor, dass bei einer eingetretenen Ausnahme (also einer Toleranzüberschreitung) unverzüglich ein Ausnahmebericht an den Lenkungsausschuss verschickt werden muss. Der Lenkungsausschuss entscheidet dann auf Basis des Ausnahmeberichts, wie es mit dem weiteren Projektverlauf weitergeht. An dieser Stelle hat der Lenkungsausschuss drei Möglichkeiten: [Erstens] Der Lenkungsausschuss bemerkt durch die Beschreibung innerhalb des Ausnahmeberichts, dass die Toleranzüberschreitung doch nicht so hoher Auswirkungen auf den Projekterfolg hat, als anfangs angenommen wurde. Darüber hinaus hat er selbst noch genügend Projekttoleranzen, die er dann an den Projektmanager weitergeben kann. Mit diesen neuen Toleranzen kann der Projektmanager weiterarbeiten. [Zweitens] (…)“

Für diese Aufgabe eines Projektmanagers (Handling von Ausnahmesituationen) ist die bereitgestellte Beschreibung vollkommen ausreichend. In manch anderen Fällen bleibt die sprachliche Umschreibung ohne Illustration aus der Projektmanagementpraxis leider zu abstrakt. So wird im für Projektmanager eminent wichtigen Abschnitt zum Thema Planung etwa nur geschrieben: „Der Projektplan enthält einen groben Überblick über das Gesamtprojekt von Anfang bis Ende sowie die wichtigsten Produktbeschreibungen mit Lieferterminen und Kosten. Hierbei ist zu beachten, dass die geplante Abstraktionsebene High Level ist. Würde man sich innerhalb dieser Planungsebene bereits mit feinkörnigen Teilproduktbeschreibungen auseinandersetzen, liefe man Gefahr, in einen Planungs-GAU zu steuern. (…)“. Zwar habe ich selbst als erfahrener Projektmanager schon Dutzende von Projektplänen in unterschiedlicher Granularität gesehen; für einen Einsteiger jedoch (und an einen solchen adressiert sich dieses Buch) bleibt diese Beschreibung zu unkonkret. Hier erwarte ich als Leser eine beispielhafte Darstellung: Wird der Zeitverlauf vertikal oder horizontal ausgerichtet? Wie lassen sich in dem Plan Verantwortlichkeiten zuweisen, Ressourcen zuordnen, wie kann ich Information in einem solchen Planungsdokument verdichten? Das würde einfach erkennbar in einem beispielhaften Planungsdokument.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass das Buch jedes Kapitel mit Übungsfragen abschließt. Das ist sicherlich für jene interessant, die das Buch als Grundlage für die Prüfung zum „PRINCE2 Foundation“ nehmen. Tatsächlich reicht das Buch hierfür auch aus. Die Prüfungsfragen dieses Prüfungslevels sind tatsächlich reine Multiple-Choice-Fragen, so wie auch die Übungsfragen in diesem Buch. Für die Prüfungslevel „Practitioner“ und „Professional“ aber sind die Anforderungen höher, etwa das Absolvieren eines Trainings bei einer akkreditierten Trainingsorganisation. Hinweis: Wer mit dem Buch die Prüfungsvorbereitung machen möchte, der sollte diese Amazon-Rezension zum Buch beachten: Achtung: Das Buch basiert noch auf der alten Version von PRINCE2 von 2009. Mittlerweile ist auch in Deutschland die Version 2017 gültig. Examen auf Deutsch können nur noch bis einschließlich März 2019 nach der alten Version absolviert werden. Als Vorbereitung für das Examen Version 2017 nicht geeignet.

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.