Das Buch ist Pflichtlektüre im Management deutscher Unternehmen, zumal der Industrieunternehmen. Und natürlich für Politiker. Wie der Titel deutlich macht, geht es um nicht weniger als die Zukunftssicherung der Deutschland AG: „Dieses Buch beschreibt die wichtigsten Bausteine der digitalen Zukunft und entwirft eine Strategie für Deutschland wie und wo sie einzusetzen sind. Es entwickelt ambitionierte Ziele und Visionen zu der Rolle, welche die deutschen Unternehmen im digitalen Zeitalter einnehmen könnten.“ (S. 25). Das Buch greift damit eine der zentralen strategischen Fragen auf nationaler und auch europäischer Ebene auf (vgl. dazu auch die Kolumne: Brauchen wir European Champions in der Digitalwirtschaft? – Antworten auf der HUB BERLIN 2019).

Die Autoren machen auch deutlich, dass die Erfolge der Vergangenheit ganz und gar keine Garantie für einen Erfolg im digitalen Zeitalter sichern: „Das Tempo des Wandels nimmt zu: 1958 hielt sich eines der großen 500 der US-Unternehmen (S&P 500) im Schnitt 61 Jahre auf dem Markt. 2012 waren es nur noch 12 Jahre. Rechnet man das hoch, dann sind um 2050 drei Viertel der heute wichtigsten Industrieunternehmen verschwunden.“ (S. 71)

„Titelverteidiger. Wie die deutsche Industrie ihre Spitzenposition auch im digitalen Zeitalter sichert“ (REDLINE Verlag, 30 EUR, Erscheinungsjahr 2019, 230 Seiten) der Autoren Frank Riemensperger und Svenja Falk, beide ACCENTURE.

Quo Vadis Digitalwirtschaft: IoT, der Rohstoff Daten, Plattformökonomie, Künstliche Intelligenz

Die ersten 90 Seiten des Buches (von 230 Seiten) schaffen ein tiefes Verständnis für die Entwicklungsdynamik hin zu einer digitalen Ökonomie, für die Treiber und die Protagonisten.

Die zentrale These bzw. Logik der neuen Märkte: Der „Rohstoff Daten“ ist die Geschäftsgrundlage von Unternehmen im digitalen Zeitalter. So schafft es etwa der spanische Hochgeschwindigkeitszug AVE, durch „datenbasierte Prozess- und Wartungsoptimierung zu 99,8 Prozent pünktlich zu sein.“ Es gilt: „der eigentliche Wettbewerbsfaktor ist nicht mehr der Zug, sondern das datenbasierte Know-how, mit ihm Pünktlichkeit zu erzeugen.“ (S. 16f). Dabei wird die sogenannte Plattform zum „Vehikel der Serviceökonomie“: Plattformen aggregieren „Datenströme und ermöglichen deren Speicherung, Analyse und Auswertung. (…) Die großen Plattformen, die – cloudbasiert – unendlich viele Daten komprimieren und mithilfe von Analysesystemen und Künstlicher Intelligenz in neue Geschäftsmodelle verwandeln, haben deshalb die Pole Position auf einem Markt.“ (S. 62 f). Die Plattform wird zu einer großen Informationsdrehscheibe, in die etwa – im automobilen Bereich – die OEMs, die Ersatzteillieferanten, Werkstätten, Zahlungsdienstleister, Finanzdienstleister, Mietwagenfirmen und viele Weitere eingebunden sind.

In der Plattformökonomie greift die Logik der „Two-sided markets“, die etwa gut am „Marktplatz“ von amazon zu erkennen ist: Unternehmen schieben sich an die Schnittstelle zwischen Angebot und Nachfrage, kontrollieren diese Schnittstelle und entwickeln eine Quasi-Monopolstellung. Damit ist der Plattformökonomie eine „The winner takes it all“-Logik inhärent.

Bereits in diesem Kapitel weisen die beiden Autoren darauf hin, dass Deutschland im Grunde eine vorteilhafte Ausgangsposition beim Aufbau von Plattformen im B2B-Segment aufweist: „Unserer Industrie steht ein ungeheurer Schatz zur Verfügung – die Betriebsdaten von schätzungsweise einer Milliarde hier gefertigter Anlagen, Maschinen und Geräte.“ (S. 26). Aber die Autoren beklagen etwas, das auch der CEO der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges in seiner Eröffnungsrede bei der hub.berlin 2019 bedauert: „Nobody is thinking big.“. Zwar gibt es vereinzelte erfolgreiche Kooperationen, etwa die Unternehmen Hubject GmbH oder HERE Technologies. Jedoch gilt: „Doch HERE ist bisher leider die große Ausnahme. Meist bewachen [deutsche] Unternehmen ihre Daten wie einen Schatz – den zu heben sie aber nicht groß genug sind. Die naheliegende Lösung, Daten über Unternehmensgrenzen zu poolen und damit neue Einsichten und Lösungen zu finden, passt nicht immer zur deutschen Ingenieurs-DNA. Zu groß ist die Sorge, Betriebsgeheimnisse preiszugeben oder ausspioniert zu werden.“ (S. 35). Und: „Anstatt mit Partnern zu kooperieren, um eine solide gemeinsame Datenbasis zu erhalten, aus der sich interessante neue Geschäftsideen entwickeln lassen, setzen deutsche Unternehmen lieber verstärkt auf eigene Digitalkompetenzen und Ressourcen.“ (S. 75)

So ist es auch nicht überraschend, dass Deutschland in der Plattformökonomie im B2C-Segment keine nennenswerte Rolle spielt, und dass SAP das einzige deutsche IT-Unternehmen ist, das in der globalen Plattformökonomie mitspielt: „in der Liste der Top 100 rangiert es um den Platz 50 herum.“ (S. 19)

Deutsche Wirtschaft: Status Quo, Herausforderungen, Vision

Die Autoren sehen also die Positionierung Deutschlands für das digitale Zeitalter kritisch. Diese Analyse des heutigen Status Quo wird vertieft auf den Seiten 125 bis 175. Hierzu wird das gesellschaftliche Umfeld (jeder dritte Bundesbürger sieht in der Digitalisierung eine Gefahr), der Wissensstand über Digitalisierung (Grundlagenwissen: „Was ist ein Algorithmus?“) oder deutsche Unternehmenskultur unter die Lupe genommen. Zu letzterem Aspekt konstatieren die Autoren: „Hier zeigt sich, dass die über Jahrzehnte führende Rolle der deutschen Industrie in der Weltwirtschaft ihre Schattenseiten hat. Sie hat zu einer Unternehmenskultur geführt, in der traditionell die Optimierung einen größeren Stellenwert hat als die Innovation, in der Technologien mehr Bedeutung zugemessen wurde als Geschäftsmodellen.“ (S. 133).

Eine der Kernherausforderungen auf dem Weg zu funktionierenden Plattform-basierten Geschäftsmodellen besteht darin, die Grundlagen für den Unternehmens-übergreifenden Austausch von Daten, die Unternehmensübergreifende Nutzung von Daten zu schaffen. Technologisch ist dies bereits machbar. Aber: „Es braucht betriebswirtschaftliche Modelle, wie sie bereits in der Musikindustrie und dem Buchhandel existieren.“ (S. 139) Die Autoren Riemensperger und Falk stellen inspirierende Case Studies vor: Die Plattform Axoom des Ditzinger Maschinebauers Trumpf oder der Data Intelligence Hub (DIH) der Deutschen Telekom. Mit dem DIH hat die Deutsche Telekom einen „interoperablen und industrieübergreifenden Datenmarktplatz mit gleichzeitiger Möglichkeit der Datenbearbeitung durch Künstliche Intelligenz (KI-Werkstatt) geschaffen. (…) Die Plattform soll dabei Wertschöpfungsketten und Prozesse optimieren, die Performance und Rentabilität steigern und die Entstehung neuer zukunfts- und wettbewerbsfähiger Geschäftsmodelle für das Internet der Dinge durch effektiven Datenaustausch ermöglichen.“ (S. 151).

Beim Umbau der Unternehmen zu Playern der digitalen Daten-Ökonomie liegt die Strategie der „Amibidexterity“ nahe: Das eine tun (Bestands-/Kerngeschäft optimieren und verbreitern), und das andere nicht lassen (Neugeschäft aufbauen und skalieren). Die erfolgreichsten Unternehmen zeichneten sich nach einer Untersuchung von Accenture durch folgende Faktoren aus: „in ausreichenden Investitionsmitteln, in innovativem Design und in der Fähigkeit, Synergien zwischen dem bewährten Kerngeschäft und den neuartigen Angeboten herzustellen. (…) Die Top-Transformationen hatten eine klare Unternehmensstrategie, was Innovation anging. Dabei spielten Crowd Sourcing und Inhouse-Entwicklungsabteilungen eine deutlich wichtigere Rolle als beim Durchschnitt der anderen Unternehmen.“ (S. 168 f).

Beim Aufbau von Plattformen gilt es Folgendes zu beachten: „Die wertvollsten Daten werden von solchen Plattformen generiert, die nach vielen Seiten hin offen sind und die Fähigkeit semantischer Interoperabilität besitzen. (…) In Deutschland sind jedoch bisher nach einer Untersuchung von Accenture aus dem Jahr 2018 nur 16 Prozent aller Plattformen auf diese Weise organisiert. Mehr als ein Drittel ist einseitig orientiert und erlaubt keine Partizipation Dritter. Ein weiteres Drittel ist zwar nach vielen Seiten offen, aber bleibt dennoch interessierten dritten Parteien gegenüber verschlossen.“ (S. 216 f).

Sicherung der Spitzenposition im digitalen Zeitalter: Die Rolle des Staates

Es gibt in dem Buch auch ein Kapitel (auf den Seiten 201 bis 214) mit einem klaren Appell an die Politik des Landes, aber auch an die europäische Politik. Sie benennt einerseits (allbekannte) Schwächen in der digitalen Infrastruktur (Breitbandausbau, Ausbau der Glasfasernetze), beim Thema eGovernment, es wird auch auf verschiedene wichtige Handlungsfelder im regulatorischen Bereich hingewiesen (z.B. Kartellrecht, Datenschutz).

Andererseits liefert das Buch den Lesern der politischen Zunft gleich „Best Practices“ europäischer Nachbarn mit. Etwa Dänemark, das nach dem Digital Economy and Society Index (DESI)“ der Europäischen Kommission ein Vorreiter beim Thema Digitalisierung ist. Eines der bereitgestellten Werkzeuge ist „ein digitaler Postkasten, von dem Finanzamt, Gemeinden, Gesundheitswesen, Versicherungen und Banken ihre Mitteilungen verschicken. Ihn können aber auch Unternehmen nutzen.“ Im Bereich eGovernment gibt es „zwei Portale, die Bürgern und Unternehmen als gesammelter Digital-Zugang zum öffentlichen Sektor dienen. Darüber kann die amtliche Adresse geändert oder die Mehrwertsteuer abgerechnet werden, die Kinder werden hier in Hort oder Schule angemeldet.“ (S. 206). Weitere Positivbeispiele sind Estland und Finnland.

Fazit zu „Titelverteidiger. Wie die deutsche Industrie ihre Spitzenposition auch im digitalen Zeitalter sichert“

Das Buch liefert einen Schatz an Anregungen und Einsichten, und bietet umfängliche Inspiration für eine breit angelegte Digitale Agenda. Das Buch enthält im Übrigen auch zwei Kapitel zum Aufstieg Chinas sowie zum zukünftigen Arbeitsplatz, die in dieser Zusammenfassung bislang nicht erwähnt wurden.

Das Buch ist ein Mutmacher-Buch. Es kritisiert, weist auf Schwachstellen und Herausforderungen hin. Es weist aber auch auf Erfolge hin und zeigt Entwicklungsperspektiven auf: „Die Acatech-Initiativen Industrie 4.0, Smart Service Welt und Autonome Systeme waren richtungsweisend und äußerst erfolgreich für die digitale Reise der deutschen Industrie. Deutschland hat mir der Marke Industrie 4.0 weltweit Pionierarbeit geleistet. Die Initiativen reichen aber nicht aus, um uns gegen neue, mächtige Industrie-Konkurrenzen zur Wehr zu setzen. (…) Dafür brauchen wir Mut und einen ambitionierten und umfassenden Plan für die digitale Zukunft unserer eigenen Industrien mit klar definierten Zielen und Erfolgskriterien.“ (S. 220 f)

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.