Es war einmal ein Unternehmen, das nutzte ein Warenwirtschaftssystem. Aber es fehlten ein paar Funktionen für das spezifische Geschäftsmodell des Unternehmens, im Grunde wünschte man sich eine maßgeschneiderte Software – mit ein paar Extras und Sonderlocken. Normalerweise (!) wäre das ja – wird richtigerweise vermutet – ziemlich teuer, aber man könnte es ja in Excel machen. Denn Excel kostet im Office365-Paket monatlich 8,80 Euro – und so ein paar Formeln und Codezeilen, das macht ja üblicherweise der Praktikant. Das kann ja nicht so teuer sein!

Anfragen dieser Art erreichen Anbieter von Softwareentwicklung in regelmäßigen Abständen, ich berichte als Geschäftsführer der Categis GmbH. Hier wurden etwa angefragt: Ein Warenwirtschaftssystem für Feuerwerkskörper (mit diversen Sonderfunktionen rund um Risikoklassen), ein Warenwirtschaftssystem für ein Großhandelsunternehmen von Blumenerde, ein vollständiges Buchungssystem inklusive Lagermanagement für Autos und Autozubehörverleih (Anhänger, Dachboxen, Kindersitze) und derlei mehr. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Die Anfragen mögen noch so unterschiedlich sein, der Verlauf der Interaktion ist immer der Gleiche: Wir vermitteln dem Kunden (mit einer guten Portion Geduld) eine Vorstellung davon, wie der Umfang einer solchen Entwicklung ausfallen würde und geben dazu einen Pi-Mal-Daumen-Preiskorridor für die voraussichtlichen Entwicklungskosten. Dann passiert (a) Der Interessent meldet sich nicht mehr, (b) Der Interessent möchte über das Angebot nachdenken und meldet sich nicht mehr, (c) der Interessent fragt, wie man das deutlich billiger machen könne, liest die knappe Antwort und meldet sich nicht mehr. In manchen Fällen erfahre ich, dass das Budget im Bereich 500 bis 1000 Euro gelegen hätte – für ein maßgeschneidertes Warenwirtschaftssystem, wohlgemerkt.

Wir sind als Unternehmen stark ausgelastet, der Engpassfaktor für unser Wachstum sind neue Mitarbeiter (wie für Viele in der IT Industrie), darum kann ich ein solches Grundrauschen bei den Anfragen mit einer Portion Humor nehmen. Aber, da wir uns als Wirtschaft mitten im Transformationsprozess in eine Digitale Ökonomie bewegen, würde ich durchaus etwas mehr Digitalkompetenz erwarten, also mehr Grundverständnis von Software, deren Funktionsweise und den Entwicklungsprozess. Zwar ist richtig: In MS Excel als Technologieplattform kann man mit intelligenter Verformelung schnell (und kostengünstig) leistungsfähige Reporting-/Datenanalysefeatures aufbauen. Kommt es aber zu Anwendungen vom Typ „Warenwirtschaftssystem“ oder „Buchungssystem“, stellt sich die Situation völlig anders dar: Bereits der Aufwand für das Verständnis der fachlichen Anforderungen ist vollkommen (!) unabhängig von der Technologie, mit der später eine Anwendung umgesetzt wird (Java, .NET, Excel, etcetc). Und gerade wer komplexe Verarbeitungsprozesse und Eingabemasken aufbauen möchte, ist etwa in C#.NET deutlich schneller als in Excel, da umfangreiche Bibliotheken zur Verfügung stehen – während in MS Excel der Aufbau von Masken und Ähnlichem eher aufwändig ausfällt.

Schön, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, Softwareentwicklung mit OpenSource-Tools und FreeWare Datenbanken wie mySQL müsste eigentlich noch billiger sein als Excel. Aber vielleicht darf ich auch das noch erleben, ich melde mich dann dazu in diesem Blog …

Sebastian Zang
Author

Der Autor ist Manager in der Softwareindustrie mit internationaler Expertise: Prokurist bei einem der großen Beratungshäuser - Verantwortung für den Aufbau eines IT Entwicklungszentrums am Offshore-Standort Bangalore - Director M&A bei einem Softwarehaus in Berlin.